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Alessandria 1999
Sichtlich zufrieden machten wir uns am Sonntag nachmittag über die Sandwiches von unserer "Mama di Sektione Germania - Angela" her. Mit den vielen Pokalen, welche wir kurz vorher in Alessandria abgestaubt hatten, konnte man sich auch in aller Ruhe zurücklehnen. Über einen solch riesigen Erfolg hat man vorher noch nichtmal laut nachgedacht, geschweige denn daran geglaubt.
Dabei ging es ja überhaupt nicht um die Pokale, vielmehr ging es um den Fortbestand unserer Sektion innerhalb des MC-MCI. Aber alles hatte prima geklappt an diesem Wochenende, wenngleich viele Alessandria - Fahrer dort das erste mal Regenwetter vorfanden. Es muß uns aus Deutschland gefolgt sein, denn laut den echten Alessandriern ist es der trockenste Sommer seit weiß der Herr wieviel Jahren.
So´n Pech aber auch! Regenwetter ist zwar nichts Neues für uns Nordlichter, aber normalerweise lassen wir den Regen mit der Überquerung der Alpen hinter uns. Das Herz geht auf, die Laune wird richtig überschwenglich und....., naja, bis zum Samstag Abend hat es ja noch gehalten.
Da war auch der Empfang im "Palazzo Provincia" von Alessandria. Wir hatten unsere Hausaufgaben gemacht und waren absolut gut vorbereitet, als unsere Sektion aufgerufen wurde. Nummer 2, Andreas, hatte meine Rede lupenrein ins italienische übersetzt. Nachdem ich alles in Deutsch herabgepredigt hatte, übergab ich an meinen Translater, welcher unsere Gastgeber ganz schön in Erstaunen versetzte. Schließlich war es nach unserer Neustrukturierung der erste Auftritt in Alessandria. Ganz kurz sind wir bei unserem Antrittsgesuch auch auf dieses Thema eingegangen. Wir haben einiges vor, die mittlerweile auf 36 Mitglieder angewachsene Clubgemeinde belegt das ja recht eindrücklich. Zum Schluß kam dann die Kuckucksuhr, mit ihr assoziierten wir den Beginn einer neuen Zeitrechnung in unserer Sektion.
Wir ernteten viel Beifall bei all den anwesenden Verantwortlichen. Beim anschließenden "Imbiss" prägte dann auch das Grau unserer Polo Shirts und die bestickten Kappen eindeutig das Bild der Gesellschaft. Für uns war es ein voller Erfolg, welcher sich um 22.00 Uhr in Castellazzo Bormida wiederholte. Nachdem dort die zweite Kuckucksuhr überreicht war, befleißigte sich der eine oder andere, mich als Signore KuKu anzusprechen. Ich denke, das wird uns noch eine Zeit bleiben.
Mit Folklore ging nicht mehr viel an diesem Abend, die Blasmusik hatte Angst, die Instrumente könnten unter dem Regen leiten. Bei Regen in Italien kommt dann auch nicht so recht die Superstimmung auf. Eine spontane Stehparty vor den Zelten von Marion, Andy und Hans lockerte die Situation zwar etwas auf, aber Rotwein trinken ohne nachzuladen ist auch nicht der Hit (der Regen füllte stets das Glas).
Also ins Bett. Ein paar unserer Veteranen hatte eh schon interveniert, die vorangegangenen Nacht war zu laut. Ein paar Norweger hatten wie zu Hause die Nacht zum Tag gemacht. Erst gegen acht am Morgen hat die der Alkohol umgehauen, bis dahin reiherte sich jedoch ein Versuch an den Nächsten, die Aida in Landessprache so laut zu singen, daß der komplette Campingplatz daran Spass haben könne. Das mit dem Spass hat dann wohl nicht so ganz hingehauen. Die frische Luft macht müde, ich bin sofort eingepennt. Bis um 05.00 Uhr ging das dann auch ganz gut mit der Schlaferei, wenigsten für mich. Scheinbar habe ich doch immer schnell genug ausgetrunken, bevor der Regen wieder nachgefüllt und verdünnt hat. Aber ab da war es dann auch vorbei, ein paar Italiener versuchten Ihrerseits die Aida zu singen, kann man verstehen, kommt ja aus Italien. Aber daß da wieder ein paar Norweger dabei waren, hat mich dann doch verdutzt. Super Kondition die Herren. Kein Wunder, bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, daß deutsche Unterstützung vor Ort war. Darin sind wir ja auch schon immer stark.
Gut, um 06.00 Uhr war dann endlich Ruhe und noch zwei Stunden Zeit zu schlafen. Auch unser "primo centauro", Udo Fromm, hatte nicht so recht in den Schlaf gefunden. Ich tippe auf verstärkte Nervosität, er wirkte auch ein wenig wie vor der Erstkommunion. Ich kann es nachvollziehen, vor ein paar Jahren hatte ich selbst die Ehre, mein Motorrad als "primo centauro" in die Kirche zu schieben. Das hat schon etwas feierliches, schließlich repräsentiert man in diesem Moment ja alle deutschen Motorradfahrer. Udo hat es gut gemacht, hatte auch ein hübsches, nettes Blumenmädchen, welches noch dazu sehr gut deutsch gesprochen hat. Voll die Andacht hat er rübergebracht in der Kirche.
Wer gemeint hätte, der Regen könne die Biker vertreiben, der hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es war wie jedes Jahr. Wenn man ausreichend frühzeitig vor der Kirche "Madonnina dei Creta" in Castellazzo Bormida war, konnte man schon ein wenig in Panik ausbrechen. Als ich gegen 09.30 Uhr mit dem Motorrad dort ankam, war der Vorplatz erst halb belegt.
Während des Gottesdienste mit der Lesung und den Fürbitten beschäftigt, bekam ich dann nur wenig vom zwischenzeitlichen Aufmarsch vor der Kirche mit, aber der war dann gewohnt heftig. Eine super Kulisse hatte sich aufgebaut, den Gaszug bis zum Anschlag aufgedreht, wetteiferten röhrende Auspuffanlagen mit 2-Taktern um die Wette. Mit vollem Getöse und versinkend in den Abgaswolken der Motorräder setzte sich der Pulk in Richtung Alessandria in Bewegung. Unsere Gruppe wartete am Ortsausgang auf mich.
Da ich, wie erwähnt, meinen Job während der Kirche hatte (wie in meinen besten Ministrantenjahren), stieß ich als letzter zu unserer Gruppe. Der Regen hatte zwischenzeitlich aufgehört, als wenn jemand während der Messe mit "Denen da oben" Kontakt aufgenommen hätte, irgendeiner hat den Schalter umgelegt. Auch wenn der Abflug dann nicht so ganz geklappt hat, eine super Gruppe hatten wir zusammen. So vielzählig wie in diesem Jahr waren wir in Alessandria noch nie vertreten.
Beim ersten Stop in Richtung Innenstadt haben wir dann die Laola-Welle probiert, stand eigentlich nicht auf dem Programm. Super Stimmung. Bodo stellte sich als Akrobat auf dem Gespann vor, seine einspurigen Einlagen sorgten sowohl bei den Zuschauern an den Straßen, wie auch bei uns für Erstaunen und Applaus. The same procedure then every year: "Nachtschwester Hildegard" stand Eingangs des "Plazza de la republic", um uns die Möglichkeit des Sammelns zu geben. Ich sagte ihr noch, daß wir cirka 40 Teilnehmer seien, aber dann war doch die Hälfte der Truppe nicht dabei, als wir die Ehrentribüne passierten. Ein kurzer Stop und die Vorstellung der frisch einstudierten Laola-Welle, dann weiter in die Allee und dort wurden wir mit der Welle begrüßt. Im Park fanden sich dann wieder alle zusammen, die Meinung war einhellig: "super".
Es ging noch mindestens eine halbe Stunde bis alle durch waren und sich die Scharen der zig-tausend Zuschauern verlaufen hatte. Mit den vielen Menschen an der Straße schätze ich so um die 20.000 Leute, welche sich versammelt haben, wenn das mal nur reicht. Ein Großteil unserer Biker hatte noch am Morgen Probleme, das immer wieder proklamierte "Ultimative Treffen" als solches zu erkennen und waren teilweise schon recht enttäuscht. Aber jetzt war der Zeitpunkt gekommen, zu welchem man sich besser eine Meinung bilden konnte. Wo waren nur all die Motorräder hergekommen, rund um die Kirche hat man die in dieser Menge gar nicht wahrgenommen. Aus allen Löchern und Gassen sind sie hervorgekrochen, letztendlich gab es einen neuen Teilnehmerrekord. Nach Angaben des Veranstalters waren 10.000 (Zehntausend) Motorräder an dem Spektakel beteiligt.
Nach einem gewohnt üppigen Mittagessen mit den Centauren ging es dann zur Verteilung der Pokale zurück in den Park. Gerade noch rechtzeitig, um die unheimlich große Anzahl an Pokalen in Augenschein nehmen zu können, denn die Verteilung hatte soeben begonnen. Pokale sind scheinbar etwas typisch "italienisches". Einer größer als der Andere, "Kitsch as Kitsch can". Aber sie gehören dazu, jeder Pokalgewinn, auch wenn er nur so groß wie ein Trinkbecher ist, wird entsprechend frenetisch gefeiert. Der erste den es für uns gab, ging an die Gespannfreunde Dreiländereck. Gerhard hat mir gestanden, daß ihm ein paar Tränen in den Augwinkeln standen, als die Gespannfreunde aufgerufen wurden und Edwin stolz den Pokal in Empfang nahm. Es hat schon was. Dann kamen die "black forest camels" dran, unsere kleine Schar aus der Gegend Stühlingen (zugegebener Maßen waren auch ein paar Anlieger dabei). Wir belegten den vierten Platz in der "so genau weiß das niemand" Kategorie). Da ich selbst als Präsidente de la Sektione di Germania mithelfen mußte, die vielen Pokale unter die Leute zu bringen, konnte ich unseren Pokal selbst in Empfang nehmen.
Dann kam der Höhepunkt, jedenfalls aus unserer Sicht. Der MCI-MC Pokal wurde vergeben. Wir holten den zweiten Platz mit insgesamt 46 Teilnehmern, nur die Schweiz war mit 53 Mitgliedern noch stärker vertreten als wir. Gefolgt von Belgien mit 30 und den Franzosen mit 24 Meldungen lag Spanien mit immerhin noch 7 Mitgliedern auf dem letzten Platz der Nationenwertung. Als unser Primo Centauro Udo den Pokal in Empfang nahm, leuchteten seine Augen richtig stolz. Insgesamt gab es 6 Pokale: der 2. Platz MCI-MC, zweimal hatten die "Gespannfreunde" das Glück, zweimal die "black forest camels" und selbst die "culo di ferro" aus München konnten einen Pokal mit nach Hause nehmen.
So viele real gemeldete Teilnehmer hat die "Deutsche Sektion" noch nie gemeldet. Entsprechend viel Lob gab es dann auch von allen Seiten. "Signore KuKu" und die Laola-Welle waren in aller Munde. Der Nachmittag neigte sich seinem Ende zu, "Mama Angela de la Sektione Germania" wollte noch mit einer Portion Sandwiches vorbeikommen. Kaum zurück am Campingplatz war sie dann auch schon da, gemeinsam mit Andrea und Maria Grazzia überreichte sie drei große Tabletts mit Leckereien, zusätzlich ein paar Flaschen Wein. Wenn man so verwöhnt wird, muß man wirklich nicht klagen. Im nächsten Jahr werden wir zu Ehren Mama Angelas vor Ihrem Haus eine Laola-Welle hinlegen.
Ein Teil unserer Crew drängte noch auf ein Gruppenfoto vor der Kirche, mit Motorrad und Pokalen, dann ging es zum gemütlichen Teil über. Die guten Sandwiches und der Wein, Bodo trug das Märchen vom Gänseblümchen vor, welches nicht länger alleine unter den schattigen Bäumen stehen wollte. Eine Menge Bikergeschichten wechselten die Lager, ein gemütlicher Hock zum Ausklang des Festes. Und so gab es dann auch eine ruhige Nacht, neben unserem eigenen Sängerknaben waren auch die Norweger auf dem Rückweg in die Heimat.
Einige träumten vom Motorradfahren, man konnte es deutlich hören (auch an den Fehlzündungen). Das Fazit: Eine gelungene Veranstaltung. Einige Dinge sind vielleicht noch zu verbessern, beispielsweise das Anmelden am Campingplatz in Castellazzo Bormida. Auch die Aufstellung beim Konvoi oder die Formation vor der Ehrentribüne.
Ich bin allerdings der Meinung, daß wir Biker sind, der Anspruch auf ein gerüttelt Maß an Freiheit ist unsere Basis. Viele Reglements nehmen nur den Spass an der Sache. Was der Eine noch als notwendiges organisatorisches Mindestmaß ansieht, empfindet ein Anderer schon als unnötige Gängelei.
Jeder wie er moag! Auch daran, daß die Meldung in Alessandria von jedem selbst vorgenommen werden muß, wird man sich recht schnell gewöhnen. Früher hatte das immer die Ilse übernommen, heute sind wir auch in diesem Bereich selbstständig geworden. Was die Nachtruhe und den Service in den Nassräumen betrifft, denke ich, unsere nach dem Treffen auf 42 Mitglieder angewachsene Sektion hat eine gewisse Lobby. Die gilt es an der Delegiertenversammlung im Oktober zu nutzen.
Ansonsten war das Wochenende super, trotz des Regens. Herzlichen Dank noch einmal an alle, die dabei waren und dadurch zum Gelingen unseres Auftritts beigetragen haben. Die Komplimente der Verantwortlichen vor Ort gebe ich weiter, unser Club hat sich über alle Annahmen hinaus von seiner besten Seite gezeigt. Wir sind auf dem besten Weg, in die MCI-MC Gemeinschaft nicht nur mit Akzeptanz, sondern auch mit Respekt aufgenommen zu werden.
Mille Grazie
Impressionen aus dem Bikerleben. Julika und Alexis auf dem Weg nach Alessandria, bei Dunkelheit am San Bernadino in Richtung Splügen unterwegs, durften sie gratis auf einer eigens errichteten Lage Styropor in einer Garage übernachten. Spontane Schweizer Gastfreundschaft! Top!
An alle Fotografen: Weitere Fotos aus Eurem Fundus sind für die Veröffentlichung im Internet erwünscht. Bitte schickt mir Eure schönsten Ablichtungen, bei Gelegenheit bekommt ihr sie eventuell zurück. Vielen Dank, Wolfgang
© Wolfgang Hofmann / 27 März, 2010